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Verbündete
(Gedicht von Erich Fried)

Zuerst habe ich mich verliebt
in den Glanz deiner Augen
in dein Lachen
in deine Lebensfreude

Jetzt liebe ich auch dein Weinen
und deine Lebensangst
und die Hilflosigkeit in deinen Augen

Aber gegen die Angst will ich dir helfen
denn meine Lebensfreude ist noch immer der Glanz deiner Augen.


Verbündete

Verbündete, so nennen sich die Partner, die mit missbrauchten Menschen zusammenleben, aber auch deren Freunde, die die Betroffenen in ihrem Leid begleiten. Es gibt einige wenige Selbsthilfegruppen in denen sie sich treffen, ein Buch mit gleichnamigen Titel und ein paar Tipps im Internet. Warum ist das nötig, dass die Partner von Opfern, sich organisieren? Sie sind doch nur indirekt betroffen.
Damit haben wir schon das erste Problem. Das Missbrauchtrauma ist so groß, dass dahinter die Frustration und die Probleme des Verbündeten lächerlich erscheinen. Wagt es ein Verbündeter, sich jemandem anzuvertrauen, so erntet er häufig Unverständnis. Die Probleme sind zu wenig bekannt und erklärbar.
Welche Probleme ein Verbündeter hat, liegt natürlich daran, wie stark der Missbrauch seinen Partner geschädigt hat, wie sich der Missbrauch heute äußert, oder die heutigen Symptome sind, und wie der Verbündete selbst sich abgrenzen kann. Ich schreibe hier subjektiv, aus meinen Erfahrungen in einer SHG mit anderen Betroffenen, von denen einige meine persönlichen Freunde geworden sind und mir ihre Erfahrungen anvertrauten.

Die häufigsten Probleme der Partner sind:

1. Unkenntnis:

Es kann sein, dass der Partner nicht weiß, dass er missbraucht wurde, aber die Symptome sind da. So kann es zu einer Vielzahl an Konflikten kommen, die nicht erklärbar sind, wenn man sich nicht auskennt. Dazu müsste ich erwähnen, dass missbrauchte Menschen sehr unterschiedlich reagieren. Es wäre ein Kapitel für sich, heraus zu finden, warum es den einen kaum beeinflusst und bei einem anderen Menschen das ganze Leben zerstört. Sicher spielen Länge und Art des Geschehens eine Rolle.
Solange der Missbrauch nicht bekannt ist, kann man schlecht dagegen kämpfen. Dazu muss man erklären, dass der Kummer so groß sein kann, dass viele Opfer ihn ins Unterbewusste verdrängen. Es ist relativ häufig, dass Erinnerungen erst nach dem 30. Lebensjahr auftreten, oder konkret werden. Manchmal ist die Geburt eines Kindes, oder das Alter des Kindes ein Faktor, der die Erinnerung aufwühlt.
Artikel wie diese sollen helfen, die Symptome erst mal zu erkennen. Man muss sich klar machen, dass Opfer, um den Schmerz nicht ertragen zu müssen, komplett vergessen können, oder sich bestimmte Verhaltensmuster zu eignen machen um in ihrer Umwelt "überleben" zu können. Das kostet allerdings enorme geistige Kraft. Mit der Zeit kann das zur Folge haben, dass der Mensch sich auch an Gutes nicht mehr erinnern kann, schnell seelisch erschöpft ist, es hasst über Vergangenes zu reden und sogar Wahrheit und Vorstellungen nicht mehr auseinander halten kann. Sollte man als Partner den Verdacht haben, mit einer(m) Überlebenden zusammen zu sein, sollte man sich erst mal über Missbrauch informieren, bevor man diesen Verdacht äußert.

2. Zurückweisung:

Das ist eine bittere Pille für Liebende. Da liebst Du einen Menschen von ganzem Herzen, bist vielleicht so ein richtiger Schmusebär, gar nicht so ein rücksichtsloser Macho, der jeden Abend Sex braucht, aber Deine Frau lässt sich nicht mal auf den Mund küssen. Was machst Du nur falsch. Vor der Ehe zeigte sie vielleicht noch mehr Interesse, aber nun stöhnt sie schon, wenn Du sie am Po berührst, angezogen versteht sich und sagt: "Ach nein, nicht das schon wieder." "Kriegst Du denn nie genug." Dabei ist es vielleicht schon Wochen oder Monate her, dass ihr das letzte Mal Sex hattet. Gehst Du damit zu einer Beratung, kommst Du Dir wie ein Sexmonster vor, dabei hast Du vorher gedacht, Du seiest normal. Folgende Sprüche hört man dann in den Beratungsstellen, wenn der beratende Ansprechpartner sich nicht auskennen mit der Problematik. (Das Thema ist ja noch nicht all zu lang kein Tabu mehr):
" Lerne, Deine Sexualität in den Griff zu kriegen. Und Sex ist nicht alles. Bestimmt stimmt irgendwas anderes nicht in Eurer Kommunikation. Lese mal dieses oder jenes gute Ehebuch. Frauen wollen immer seltener als Männer....."

Da liegt man dann im Bett neben der Frau, die man liebt und man dachte es sei gut, sie auch zu begehren, sich am Weibe zu erfreuen. Und nun heißt es Enthaltsamkeit zu praktizieren. Plötzlich ist man vor die Aufgabe gestellt selbstlos zu sein.

Das alles kann sehr bitter und frustriert machen. Die Versuchung zum Ehebruch, zu sexuellen Entgleisungen jeder Art ist groß und nur zu verständlich. Aber der Überlebende macht das ja nicht um seinen Ehepartner zu ärgern, sondern weil er Angst davor hat, erneut etwas schreckliches ertragen zu müssen.
Verbündete Männer bekommen oft Erektionsprobleme und Komplexe. Verbündete Frauen, deren Männer so gut wie keinen Sex wollen schämen sich noch mehr. Sie stehen wie sexsüchtige da, weil sie vielleicht alle 14 Tage mal mit ihrem Mann schlafen wollen und können es niemandem erzählen. Sie neigen noch mehr als Männer dazu sich zu fragen, was sie falsch machen. Sind sie zu dick, zu hässlich, ihr Busen zu klein?

3. Nicht ernst genommen werden:

Weitere Tipps, von denen ich hörte: "Mach eine Liste von allen positiven Eigenschaften Deines Ehepartners, bete jeden Tag für ihn, vor allem danke und überlass alles Gott."

Brrrrr, das ist ein oberflächlicher Rat. Liebe deckt alles zu, denkt man, aber Liebe will auch Heilung und die geht nicht ohne die Wahrheit. Hier sind wir auch bei dem Punkt, unter dem Verbündete oft leiden: Sie werden des Selbstmitleids beschuldigt, wenn sie von ihren Problemen erzählen. Es tut weh, wenn man zurückgewiesen wird, ganz egal, wie sehr man das Leid des Partners versteht. Man kann tausendmal wissen, dass der Partner als Kind, oder durch eine Vergewaltigung viel Schwereres durchgemacht hat, aber es tröstet einen nicht im eigenen Leid. Man schämt sich für seinen Kummer, wird dadurch depressiv, stürzt sich in Arbeit, oder anderes. Es ist so wichtig, dass auch jemand ein Ohr für die Partner der Opfer hat.

4. Die Frau/ der Mann mit den vielen Gesichtern:

Dadurch, dass Überlebende so viel mitgemacht haben, haben manche ganze Anteile in sich abgespalten. Das nennt man Dissoziation und kann bis hin zu dem Krankheitsbild der multiplen Persönlichkeit führen. Aber auch bei denen, die nicht so erkrankt sind erlebt man oft das Phänomen, dass es einen Tag gibt, an dem der Partner bei jeder körperlichen Berührung zurückschreckt und an anderen Tagen in Sachen Zärtlichkeit fast zu gefügig ist. Oder an einigen Tagen lässt ein unbändiger Männerhass alle männlichen Wesen, einschließlich ihrer Söhne spüren, dass sie nichts wert sind, an einem anderen Tag ist sie die ausgeglichene liebevolle Mutter. Oder der Mann, der an einem Tag Lügen über Lügen erzählt und am nächsten nicht mal mehr weiß, was er erzählt hat, und die Ehefrau des ständigen Misstrauens beschimpft. Das alles sind so subtile Störungen, dass Außenstehende sie kaum erkennen können. Der Partner wundert sich was los ist und wird verwirrt darin, richtig mit dem anderen umzugehen. Viele Paare berichten auch von Phasen. Manchmal sind sie wochenlang ein normales Paar, dann schlägt die Symptomatik wieder voll zu.

5. Übertragung und sexuelle Desorientierungen:

Bei vielen Opfern findet eine sogenannte Übertragung statt. Bei Frauen ist es häufig, dass sie alle Männer hassen, jedenfalls insgeheim. Fand der Missbrauch in der Familie statt, so wird sich dieser Hass auf den Ehemann nach der Hochzeit eventuell verstärken. Sollte sie dann noch den Fehler machen, ihrem Mann zu Liebe den Sex geschehen zu lassen, so treibt sie ihn unbewusst in die Rolle des Täters, ohne das er es weiß und hasst ihn nachher dafür noch mehr. Der Ehemann kann das Gefühl haben auf einmal eine 11jährige im Arm zu halten, wenn er das merkt, sollte er von sexuellen Handlungen sofort Abstand nehmen. Aber das weiß er ja anfangs nicht. Diese Übertragung ist dem Mann natürlich nicht klar und er wundert sich über die Streitthemen, plötzliche Hassausbrüche, Diffamierungen in der Öffentlichkeit, oder vor Freunden. Bei manchen Männern stellt man auch einen gewissen Frauenhass fest, der aber auch mit mangelndem Schutz seitens der Mutter, oder mit Angst vor Weiblichkeit zu tun haben kann.
Männer können auch dazu neigen, ihre Erinnerungen zu überwinden indem sie genau das wieder anschauen was sie erlebt haben. (Frauen auch, ich stelle hier nur geschlechtsspezifische Häufungen fest). Ich kenne Paare, wo der Mann homosexuellen Neigungen nachgibt, oder perverse Bilder im Internet anschaut.

Auch gibt es Männer, die den Missbrauch in irgendeiner Form weitergeben, zum Beispiel an ihre Frauen. Bei letzterem hat Selbstschutz und Schutz der Kinder höchste Priorität. Höher als die Aufrechterhaltung der Familie. Aber auch bei den sexuellen Interessen der Opfer, die ich kenne, müssen die Partner ganz schön vergebungsbereit sein. Da nützt es wenig, wenn der Mann sagt, ich guck mir diese SM Seiten nur an, weil ich genauso behandelt worden bin, als Junge, oder ich gucke mir Jungenbilder nur an, um an den Schmerz zu kommen, oder die Frau sagt, ich flirte erotisch im Internet, weil mir da nicht wirklich jemand an die Wäsche will, sondern nur in der Fantasie..... Was soll man als Partner dazu sagen?

6. Seltsames Verhalten:

Jede(r) Überlebende hat so seine eigenen Strategien entwickelt sich als Kind zu schützen. Diese guten Schutzfunktionen werden als Ticks, oder traumaorientierte Handlungen im Erwachsenenalter weiter benutzt. So weiß ich von Menschen, die alle Schlüssel im Haus verstecken, oder im Gegenteil, alle Türen verrammeln und verriegeln. Es gibt Menschen, die werden beim Geruch von Bier an den Täter erinnert, oder bei einer bestimmten erotischen Art zu reden. Es ist unmöglich für den Partner alle diese Punkte zu verstehen, oder zu beachten. Viele sind den Opfern selbst nicht bewusst. Oder die Taktiken Sex zu vermeiden: Da verschwindet der Partner ins Bett, um Neun Uhr abends, obwohl Besuch da ist und sagt kein Wort. Oder, was häufig ist, ein Streit wird beim Abendessen erfunden, nur um schon im Vorfeld die Stimmung zu versauen. Während der Verbündete über den Streit nachdenkt, hatte das Unterbewusstsein des Überlebenden nur die Vermeidung von Erotik im Sinne.
Dann gibt es noch das Phänomen, dass die betroffenen Menschen in der Öffentlichkeit, vielleicht zu den unpassendsten Gelegenheiten erotisch werden, weil ja da nicht mehr passieren kann, zu Hause aber wieder stachelig sind wie Igel. Die Partner können damit nicht normal umgehen.

7. Mangelnde Belastbarkeit:

Viele Überlebende sind zeitweise richtig krank, müssen sogar in eine psychiatrische Klinik oder durchlaufen etliche Therapien und Kuren. Bei Männern habe ich gehäuft festgestellt, dass sie dazu neigen, ihre Arbeit häufiger zu wechseln, ebenfalls Wohnorte. Es kann bei Überlebenden zu starken psychosomatischen Erkrankungen kommen, die es ihnen schwer machen, zu arbeiten. Vieles bleibt dann am Partner hängen.

8. Beziehungssucht.

Darüber könnte man jetzt einen eigenen Artikel schreiben. Ich versuche es kurz zu fassen. Es ist inzwischen weitreichend bekannt, dass man bei Alkoholikern Co-Abhängiger werden kann. Geht das auch in einer Verbündeten-Beziehung? Ich habe festgestellt, dass Menschen, die echt nicht zur Co-Abhängigkeit neigten bei ihrem missbrauchten PartnerInnen genau in diese Falle tappten. Es musste doch möglich sein, diesen Menschen gesund zu lieben. Es musste doch gehen, ihm neues Vertrauen beizubringen. Und schon drehte man sich nur noch um den Missbrauch, vergaß alle eigenen Bedürfnisse und stellte später fest, dass man kein Retter sein konnte.

Umgangshilfen:

Was kann ein Partner tun?

1. Die Sorge um mich selbst muss an erster Stelle stehen! In der Ehe bin ich sowieso unterversorgt, also muss ich sehen, dass es mir ansonsten gut geht, so drehe ich mich nicht um die Beziehung, sondern um mein Leben. Ich muss fähig bleiben auf mich zu hören, durch genug Abstand, liebe Freunde, körperliches Wohlbefinden und Ruhe.

2. Ich kann den anderen nicht heilen, muss loslassen lernen. Ich kann ihn aber begleitend umgeben und ihn/sie ernst nehmen.

3. Den anderen ernst nehmen ist ein Schlüssel. Das ist wie bei den Phasen des Sterbens (beschrieben von Elisabeth Kübler-Ross). Du kannst niemand von einer in die andere Phase schubsen, Du kannst nur mit durch gehen, dann geht es schneller. Je ernster Du den Partner/ die Partnerin nimmst, desto schneller kann er/sie falsche Ansichten loslassen und wahre Ursachen erkennen. Je weniger er/sie sich ernst genommen fühlt, desto mehr muss er/sie ihre falschen Haltungen selbst stärken und wird trotzig auf allen Vorwürfen beharren. Bei allem Ernstnehmen, darf man natürlich nicht alles annehmen, was einem der Partner vorwirft, das ist die eigentliche Kunst, das ist eine Gratwanderung.

4. Man kann Gott um Ideen fragen, bei mir war der weltliche Videofilm "Herr der Gezeiten" mit Nick Nolte und Barbara Streisand ein Gesprächsansatz. Andere kaufen Bücher oder Zeitschriften zum Thema. Manchmal hilft es Geschwister anzusprechen, aber niemals die Täter. Das muss den Opfern vorbehalten bleiben. Einfälle gibt es da genug, aber man kann nie vorher wissen, ob das gut geht.

5. Braucht man Hilfe von außen, Therapie etc. Bei vielen Organisationen gibt es zum Beispiel Ehewochen, Möglichkeiten gibt es genug. Man muss das Richtige finden und darf nicht zu viel erwarten.
Auch der Partner kann Hilfe gebrauchen, vor allem wenn er in eine Beziehungssucht hineingeraten ist. Und wenn beide ihre Gefühle etwas geordnet haben, ist eine Paartherapie angebracht. Dabei sollte man sich ruhig trauen spezielle Therapeuten aufzusuchen. Am Besten lässt man sich welche von einer nahen Beratungsstelle empfehlen, die sich mit der Thematik auskennen. Letzteres ist enorm wichtig, weil man sonst viele falsche Ratschläge bekommt.

6. Muss man ganz genau wissen was man will und wie viel man verkraftet. Vielleicht sollte man sich dazu auch Zeitpunkte festlegen, wann man die Situation und das eigene Gefühl prüft. Das beinhaltet meiner Meinung auch, dass man gehen darf, wenn man nicht mehr kann und alles andere versucht hat. Ich will hier kein Plädoyer für Trennungen halten, aber die Belastung kann stärker sein, als ein Ehepaar verkraftet. Eine lebenslange Ehe gehört zu meinen unumstrittenen Idealen, aber der Mensch geht vor diesem Ideal. Es ist natürlich die letzte Lösung.

Ziele und Hoffnungen:

Paare die es trotz dieser Probleme schaffen ein normales und erfülltes Leben zu führen, haben eine Menge positives erreicht. Sie werden durch die Probleme stark gefordert an sich zu arbeiten. Sie lernen, jeder für sich selbst zu sorgen, dem anderen zu sagen, was ihnen wichtig ist und bestenfalls erleben sie gemeinsam das Wunder der Heilung. Das alles kann sie mehr zusammen schweißen, als ein Paar, das einfach nur ein eingespieltes Team ist, aber ansonsten sich nicht weiterentwickelt hat. Einige meiner besten Freundinnen sind Überlebende, die einen positiven Lebenszugang haben. Ich bewundere ihren Kampfgeist, ihre Sensibilität und ihre Fähigkeit mitzufühlen. Sie sind durch traurige Krisen gereifte Menschen.

Quelle: http://home.arcor.de/ho/homo.postalis.digitalis/missbrauch/verbuendete.htm


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